Das Einhorn
Das Märchen
Das Märchen und das dazugehörige Bild stammen vom Christine Winkel.
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In einem uralten, geheimen Wald lebte vor langer Zeit, oder ist`s heut, das Einhorn.Wild war es und ungezähmt. Bis in die dunkelsten Ecken des Waldes drang es und verwüstete Baum und Strauch.
Nun war da aber inmitten des Waldes eine liebliche Lichtung. Dorthin begab sich das Einhorn zu manchen Zeiten. An diesem Ort war es wie verwandelt. Hier verhielt es sich sanft. Es ließ sich von der Sonne bescheinen, legte sich nieder, träumte, die Bienen summten um es herum, und die Schmetterlinge setzten sich auf seine Nasenspitze. Auf dieser Lichtung wuchsen seltene und von den Menschen begehrte Blumen und Kräuter.
So trug es sich einmal zu, dass ein schönes junges Mädchen durch den Wald direkt auf diese Lichtung kam. Sie war von ihrer heilkundigen Großmutter ausgeschickt worden um dort ein schmerzlinderndes Kraut zu pflücken. Als nun das Mädchen auf die Lichtung trat, hielt sie inne, als sie das leuchtende, silberweiße Einhorn sah.
Dieses aber bedeutete ihr Platz zu nehmen. Es schnaubte sanft, neigte den Kopf und ließ sich kraulen. Dann saßen sie eine ganze Weile still da. Raum und Zeit gingen ihr verloren, seit das Einhorn seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte. Sie war nirgends und doch überall. Und es war still - ganz still.
Da plötzlich - das Knacken eines Astes. Das Einhorn sprang auf, schnaubte, und seine Augen sprühten rote Funken. Es stieg und wollte davon galoppieren. Doch da surrten Seile durch die Luft und fingen es ein. Das Mädchen drückte sich tief ins Gras und wurde nicht entdeckt von dem schwarzen Reiter, der das Einhorn unter größten Anstrengungen mit sich fortführte.
Mit großen, erschrockenen Augen schaute es ihnen nach. Und dann machte sie sich die allergrößten Vorwürfe, dass sie Schuld an der Gefangennahme sei. Sie saß im Gras und schluchzte bis tief in die Nacht, so groß war die Trauer um das Einhorn.
Als der Mond aufgegangen war, versiegten ihre Tränen. Sie fühlte den starken Wunsch in sich, das Einhorn zu befreien. In ihr stiegen Mut und Kraft auf und vom Himmel rieselte ein feiner, klingender Lichtstaub über sie. Und als der verschwand, da war aus dem Mädchen ein starker junger Mann geworden.
Mutig schritt er aus, dem schwarzen Reiter hinterher, das Einhorn zu erlösen. Er gelangte an das Schloss des Königs. Dort bat er um die Stellung eines Stalljungen und wurde angenommen. Als er den Stall mit den königlichen Pferden betrat, schaute er sich sogleich nach dem Einhorn um, doch es war nicht da. Enttäuscht wandte er sich seiner Arbeit zu.
So verging einige Zeit und nach und nach freundete er sich mit den anderen Burschen an, bis die Zeit da war, um nach dem Einhorn zu fragen. Nun saß er eines Abends mit dem Stalljungen zusammen bei einem Trunk, und es wurde dies und das erzählt. Ein jeder versuchte den anderen zu übertrumpfen. Doch schließlich sprach er: „Ha, auf meinem Weg hierher wurde mir zugetragen, der König habe ein Pferd, dem sei ein Horn gewachsen. Da ich es aber im Stall nicht gesehen habe, muss es wohl ein rechter Narr gewesen sein, der mit dies erzählte“. Plötzlich wurde es ganz still im Wirtshaus, niemand getraute sich noch irgendetwas zu sagen, und einer nach dem anderen schlich sich davon.
Einer jedoch blieb da und sprach: „Was ich Dir jetzt sage, schließe in Dein Herz und schweige für immer darüber. Der König, er hat wohl so ein Pferd, von dem Du sprachst. Eingefangen hat es sein treuester Ritter, der Schwarze. Es ist das Einhorn und hat den ganzen Wald verwüstet. So konnte niemand mehr darin jagen. Drum hat er’s eingesperrt im alten, runden Turm und festgebunden mit unzertrennbar festen Ketten. Nun kann es nur noch im Kreis gehen und wird wohl bald vergehen.“ In dieser Nacht konnte der Jüngling nicht schlafen. Er wälzte sich hin und her. –Wenn er doch nur wüsste, wo dieser alte, runde Turm ist.
Nun war es aber so, dass der König schon lange eine Frau suchte und immer nicht die rechte finden konnte. Schon zweimal hatte er ein prunkvolles Fest feiern lassen, zu denen die schönsten Jungfrauen des Landes eingeladen wurden. Doch für keine von ihnen hatte sich sein Herz in Liebe entflammt. Nachdem einige Zeit vergangen war, lud der König zu einem dritten Fest ein. „Einmal noch, will ich es versuchen um endlich eine Königin zu finden“, seufzte er voller Hoffnung.
Der Festtag nahte. Das Schloss war prachtvoll geschmückt. Im Garten grünten und blühten die allerschönsten Blumen und die königlichen Pferde standen frisch geputzt im Stall.
Doch in der Nacht vor dem Fest, als der Mond rund am Himmel stand - die Feste feierte der König immer abends nach der Vollmondnacht, auf raten einer alten heilkundigen Frau - konnte einer nicht schlafen und ihr wisst, wer das war. Und das war gut so. Denn abends kam der König in den Stall, nahm seinen schwarzen Ritter beiseite und sprach: „Du, geh` zum Turm und schau nach dem Einhorn, denn es ist in den Vollmondnächten besonders wild.“ Sogleich begab sich der Schwarze zum Turm. Der Jüngling aber hatte alles mit angehört und folgte ihm heimlich.
Dort angekommen schaute der Schwarze ins Fenster des Turmes und drinnen schnaubte das Einhorn wild, und aus seinen Augen sprühten rote Funken. Doch die Ketten waren unzertrennbar. „Wie muss dieses wunderbare Tier leiden, ist es doch ein Ausdruck von Freiheit und Liebe“, dachte der Jüngling in seinem Versteck.
Er wartete, bis der Schwarze verschwunden war, so glaubte er jedenfalls. Der aber hatte gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war und versteckte sich seinerseits hinter einem Baum. Der Jüngling ging zum Turm und öffnete das Tor. Noch war es ganz dunkel darinnen, aber als das Einhorn ihn wahrnahm, begann es silberweiß zu leuchten. Vom Himmel rieselte ein feiner, klingender Lichtstaub über den jungen Mann, und er ward verwandelt in eine schöne junge Frau.
Das Einhorn bedeutete ihr Platz zu nehmen. Es schnaubte sanft, neigte den Kopf und ließ sich kraulen. Dann saßen sie eine Weile ganz still da. Raum und Zeit gingen verloren, seit das Einhorn seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte. Sie war nirgends und überall. Und es war still – ganz still.
Als der schwarze Ritter das silbrigweiße Licht im Turm gesehen hatte, war er zum König geeilt. Dieser hatte sein Pferd genommen und ritt sogleich zum Turm. In einiger Entfernung stieg er ab und begab sich leise zum Tor. Doch bei dem, was sich ihm dort offenbarte, stand sein Herz still vor Entzückung. Da lag das anmutige, silberweiß leuchtende Einhorn und hatte seinen Kopf in den Schoß einer schönen jungen Frau gelegt. Augenblicklich entflammte sein Herz in Liebe zu ihr.
Die junge Frau, die nicht unempfänglich für diese Liebe war, musste dies wohl gespürt haben, denn sie schlug die Augen auf, und als sie den König erblickte, fühlte sie, dass sich ihre lang gehegte Sehnsucht jetzt erfüllte. Der König hob sie zu sich empor, und sie schlossen einander aufs köstlichste in die Arme. Als sich die Liebe ihrer Herzen vereinte, da sprangen die unzertrennbaren Ketten entzwei und gaben das Einhorn frei. Kaum befreit, da flog es so schnell, wie ein silberweißer Lichtstrahl fort und ward niemals mehr gesehen. So meint man, ihr lieben lauschende Menschen. Doch spitzt noch einmal auf einen Satz die Ohren.
Am Tag darauf feierte man eine prächtige Hochzeit und der König und die Königin vereinten sich in tiefer Liebe. So bekam sie auch bald ein Töchterchen, und als das herangewachsen war, war sie zu einem rechten Wildfang gediehen. Sie hatte nun aber eine Eigenart. In Vollmondnächten, da zog es sie hinaus und heimlich schlich sie davon aus dem königlichen Schloss, hin zum Wald auf die Lichtung. Dort aber wartete das silberweiße Einhorn.
Es bedeutete ihr Platz zu nehmen bei ihm. Es schnaubte sanft, neigte den Kopf und ließ sich kraulen. Dann saß sie eine ganze Weile still da. Raum und Zeit gingen ihr verloren, seit das Einhorn seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte. Sie war nirgends und überall Und es war still – ganz still.