Die Tänzerin in der Blauen Blume

Das Märchen

Das Märchen und das dazugehörige Bild stammen vom Christine Winkel.

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Ein Hirte lag einmal bei seiner friedlich grasenden Herde im Gras und hielt ein wohltuendes Schläfchen im goldenen Licht der warmen Sonne. Als er erwachte und sich so reckte und streckte, da sah er vor sich eine wunderschöne blaue Blume.

„Ei“, sprach er verwundert, „du bist wohl gerade erst gewachsen als ich schlief? Dich sah ich doch vorher nicht”! Sein Staunen wurde noch größer, als die Blaue Blume ihm antwortete: „Ja, da hast du wohl recht. Es ist jetzt an der Zeit mich zu zeigen.“ Der Hirte schaute sie näher an, betrachtete sie von allen Seiten, und da sah er, dass mitten in der Blüte eine wunderschöne Frau sich im Tanz hin und her bewegte. Die Tänzerin betrachtete ihn liebevoll und dieser Blick ließ sein Herz augenblicklich in Liebe für sie brennen.

Ohne, dass er irgendetwas sagte, er hätte es auch gar nicht können, sprach sie: „Mache dich auf deinen Weg. Gehe über die vier Berge und durch die vier Täler und erfülle deine Aufgaben. Wenn du zurückkommst bin ich dein! Doch eines sollst du noch wissen: du wirst dann so klein und doch so groß sein wie ich!“

Der Hirte spürte, dass seine Liebe stärker war, als alle Bedenken und so machte er sich gleich auf den Weg.

Er kam auch bald zu dem Berg und kletterte hinauf. Oben angekommen, fühlte er sich schon ein wenig kleiner, aber auch kraftvoller in seinem Herzen. Er ging weiter hinunter ins Tal. Dort sah er die Menschen auf dem Dorfplatz versammelt. Sie standen da um einen alten riesengroßen Stein herum, schauten sich gegenseitig an und zuckten hilflos mit den Schultern. Sie hatten den Stein schon, mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kräfte, hin und her geschoben, doch wo sie ihn auch platzierten, immer lag er im Weg. Kein Ort war passend für ihn. Als sie nun den Hirten kommen sahen, da baten sie ihn gleich um Rat. Er schaute sich eine Weile um und schließlich sprach er: „Schaut nur, da am Eingang eures Dorfes wäre ein würdiger Platz für ihn und hättet ihr einen Steinmetz in euren Reihen, so könnte der ein Begrüßungswort darauf meißeln“.

Sei herzlich willkommen lieber Gast,
und achte in diesem Tal,
die Schönheit der Natur,
die Güte und Wahrheit der Menschen
in ihrem Leben und Wirken.

Alle jubelten und waren sehr froh über diese Lösung. Und wenn du einmal in dieses Dorf gelangst, dann wirst auch du auf diese schöne Weise herzlich willkommen geheißen.

Einige Tage vergingen, und als der Hirte sich ausgeruht hatte dankte er den Bewohnern des Tales und zog weiter. So kam er zum zweiten Berg. Er kletterte hinauf, und als er oben auf dem Gipfel stand, hatte er das Gefühl noch kleiner geworden zu sein. Die Liebe in seinem Herzen aber strahlte groß und kräftig.

So machte er sich auf den Weg hinunter ins Tal. Dort angekommen, sah er, dass es in zwei Teile getrennt war. In der Mitte sprudelte eine kühle, klare Quelle. Die Menschen der beiden Dörfer standen zusammen und stritten um den Besitz dieser Quelle, und nicht nur mit Worten. Jeder wollte das Wasser in sein Dorf leiten. Eine Weile schaute der Hirte sich dieses Spektakel an, dann sagte er zu ihnen: „Schaut euch doch einmal dieses schöne Tal an. Rechts liegt ein Dorf und links liegt eines. In der Mitte sprudelt eine herrliche Quelle, die so reichlich und in Fülle kühles, klares Wasser hervorbringt.

Seht, die Quelle ist in eurer Mitte und so für alle erreichbar.

Baut gemeinsam einen schönen Brunnen um sie. So kann ein jeder im ganzen Tal aus der Quelle in der Mitte schöpfen und sich an ihrem Wasser laben.“

Die Menschen wunderten sich, dass sie auf diese Lösung nicht selbst gekommen waren. Schnell war der Brunnen gebaut und sogar noch ein Festplatz darum. Seit dieser Zeit feiern die Menschen in diesem Tal gemeinsam ihre Feste.

Wenn du heute in dieses Tal kommst, wirst du sehen, dass die beiden Dörfer zu einem zusammengewachsen sind.

Einige Tage später verabschiedete sich der Hirte, denn die Sehnsucht in seinem Herzen machte sich wieder bemerkbar.

Bald erreichte er den dritten Berg. Auch ihn erklomm er. Oben auf der Bergesspitze ließ er seinen Blick über die Gegend schweifen. Da fühlte er sich kleiner als jemals zuvor, und der Liebe zu der schönen Tänzerin fühlte er sich so nahe wie nie.

Von diesem Gefühl getragen, ging er hinunter ins Tal.

Im Dorf des dritten Tales sah alles ganz armselig aus. In den Gärten blühten keine Blumen. Sie waren öde und leer. Die Häuser waren grau und verkommen. Die Dächer undicht. Die Menschen selbst sahen verhärmt und elend aus. In der Mitte des Tales aber stand ein besonderer, alter Baum und der Hirte sah wohl, dass er einmal stark und prächtig gewesen sein musste. Als er bei dem Baum stand und ihn betrachtete, trat ein altes Mütterchen zu ihm hin und sprach mit zitternder Stimme: „Ja, ja es war eine schöne Zeit, als der Baum noch goldene Früchte trug. Da lebten wir Menschen in der Fülle und waren versorgt mit allem was wir brauchten. Schau dich nur um guter Mann! Was ist daraus geworden?“

„Mich umgeschaut, das habe ich wohl. Aber ihr solltet auch einmal hinschauen! Seht, ihr habt den Baum so fest eingepflastert über seine Wurzeln hinweg bis zum Stamm. Habt ihr Angst er könnte fortlaufen oder euch gestohlen werden? So hat er keine Möglichkeit mehr Luft, Licht und Wasser mit seinen Wurzeln aufzunehmen und zu wachsen. Unterdessen habt ihr seine goldenen Früchte verbraucht und seid jetzt arm geworden. Lasst den Baum frei und behandelt ihn nach seiner Natur.“

Als das Mütterchen diese Worte gehört hatte, sprang sie so schnell, wie ihr Alter es zuließ, davon zu den anderen Bewohnern des Tales.

Der Hirte aber ging weiter auf seinem Weg. Was weiterhin in diesem Tal geschah wollt ihr wissen. Nun, die Menschen dort entfernten alle Pflastersteine um den Baum herum und füllten neue Erde auf. Sie brachten ihm frisches Wasser und legten ihm zu Ehren ein wunderschönes Blumenbeet um ihn herum an. Später wurde daraus ein prächtiger Garten, in dem Bänke standen, die die Menschen für Stunden der Besinnung und Begegnung nutzten.

Die Goldenen Früchte teilten sie untereinander redlich, achteten aber darauf, dass immer ein gewisses Maß am Baum hängen blieb, um ihn nicht seiner Schönheit zu berauben.

Nun unser Hirte ist inzwischen weiter gezogen und als er oben auf dem vierten Berg stand, da fühlte er sich so klein, dass der Himmel über ihm unerreichbar hoch, und das Dorf unter ihm unendlich tief schien. Aber seine Liebe war lebendig und glühte in seinem Herzen. Die Sonne war schon untergegangen als er dort ankam. In der Dämmerung traf er auf einen alten Mann. Er bot einen Anblick des Jammers. Der Hirte fragte ihn nach seinem Kummer. Der Alte antwortete: „Ach, ich lebe nun schon einige Zeit hier. Die Menschen haben mich versorgt und mir immer etwas von ihren Einkünften abgegeben. Aber jetzt verschließen sie vor mir Türen und Fenster und geben mir nichts mehr. Nun weiß ich nicht was ich tun soll.“ Der Hirte schaute den Mann voller Mitgefühl an. Dann wandte er sich der Dunkelheit der Nacht zu. So saßen die Beiden dort in dem Dorf auf der Bank ganz still beisammen.

Als der Mond aufgegangen war und mit seinem Licht die Nacht erhellte, sprach der Hirte sinnend vor sich hin: „Jeder Mensch braucht den anderen Menschen. Aber jeder Mensch braucht auch, dass er geben kann. Du hast von den anderen bekommen. Was kannst du geben?“ „Das weiß ich nicht“, sprach der Alte, „ich habe doch nichts.“ Und er wollte schon weinen. „Nun“, antwortete der Hirte, „das wäre ganz gegen das Gesetz der Natur. Jedes Wesen hier auf der Erde kann nehmen und geben“. „Ja“, sprach der Alte darauf, „früher einmal da habe ich den Menschen all meine Gedanken und Gefühle in Geschichten erzählt, aber heute... ach, ich weiß nicht“! Darauf sagte der Hirte nichts mehr, und es ward wieder ganz still unter dem nächtlichen Sternenhimmel. So blieben die Beiden auf der Bank sitzen, bis die Sonne aufging.

Ihr wollt wissen wie es mit dem alten Mann weiterging? Nun irgendwie kam die Botschaft unter die Menschen in Umlauf, dass der Alte gar nicht so ein Nichtsnutz war, sondern, wie man sich bald erzählte, ein hoher Weiser, der sich mit dem Leben auskannte und den Menschen mit seinen Geschichten helfen konnte.

Heute, wenn ihr durch Zufall einmal dieses Dorf findet, werdet ihr sehen, lebt der Alte Weise als ein wohlbeachteter Mann in gutem Wohlstand.

So nun zurück zu dem Hirten. Der ging also weiter und als er aus dem Tal herauskam, da sah er in der Ferne seine friedlich grasende Herde. Sein Herz hüpfte ihm vor Freude und er lief so schnell er konnte voran. Die Blaue Blume stand immer noch da, doch war sie viel größer als vorher, so groß wie ein ausgewachsener Mensch. Oder war der Hirte so klein geworden?

Jedenfalls begann er den kräftigen, grünen Stängel hinaufzuklettern, denn in der Blüte wartete ja die von ihm so innig Geliebte. Oben angekommen, sah er sie mit weit geöffneten Armen inmitten der Blüte tanzen. Er war erwartet. Sie reichte ihm die Hand und holte ihn zu sich hinein. Sie schlossen einander in die Arme und versanken in inniger Liebe.

Was aus ihnen geworden ist? Wer weiß das wirklich zu sagen!

Man erzählt sich, dass kurze Zeit später auf dieser Wiese vieltausend blaue Blumen wuchsen. Der Wind trug ihre Samen um die ganze Welt, so dass viele Menschen sich daran erfreuen können, bis auf den heutigen Tag.

Ja, so ist es mit den Taten der Liebe!